Leseprobe Saphir

Der Aufstand der Drachenreiter – Saphir

Das fahle Licht des Vollmondes erhellte die Nacht. Dichte Nebelschwaden bildeten sich aus der aufsteigenden Feuchtigkeit des Bodens und verdeckten langsam die Sterne des Nachthimmels. An den Hängen markierten hohe Fichten den Rand eines Waldes, weitläufiger, dichter und verlassener, als es sich je ein Mensch unserer Zeit vorzustellen vermag. Die Bäume besaßen Astwerk, als hätten sie tausend Arme, und standen so dicht, dass es für den Wanderer kein Durchkommen zu geben schien. Selbst bei helllichtem Tage war es dort dämmrig. Durch die Wipfel der Bäume blies der kalte Nordwind und in der Ferne war das einsame Heulen eines Wolfes zu hören. Das war der Alptraumwald.

Hier waren Elfen und Zwerge zu Hause. Die Elfen verfügten über große, silbern schimmernde Flügel und konnten mit der gewaltigen Kraft der Magie Berge versetzen. Die Zwerge waren wesentlich kleiner, sie waren ausgezeichnete Handwerker und tapfere Kämpfer. Trotz aller guten Eigenschaften führten beide Seiten einen erbitterten Krieg. Schuld daran war der dunkle Lord, König von Imperia, denn er hatte über sie den Fluch von Neid und Zwietracht gelegt und hetzte sie immer wieder aufs Neue gegeneinander auf.

Der Wind blies eine leise Melodie, die sich über dem Alptraumwald in ein seufzendes Stöhnen verwandelte. Hagemar, ein Mann von hünenhafter Gestalt, stand am Rand des Waldes. Die tiefen Furchen in seinem ernsten, jedoch gütigen Gesicht zeugten von einem langen, ereignisreichen Leben. Sein wallendes schwarzes Haar wurde vom Wind gestreichelt. Ein pechschwarzer Umhang, mit goldenen Punkten verziert, wurde an der Brust von einer Spange gehalten. Ein brauner Gürtel hing an seiner

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Hüfte, an dem eine mittelgroße Lanze mit scharfer Spitze und einem Schaft, gefertigt aus edlem Holz, und ein Messer befestigt waren.

Plötzlich ließ der Wind nach. Die Grashalme hörten auf sich zu bewegen. Es schien, als hielte der gesamte Alptraumwald die Luft an. Aus dem Dickicht hinter Hagemar sprang eine grauenerregende Kreatur auf die im Mondlicht schimmernde Wiese. Eine Kapuze bedeckte fast das ganze Gesicht, bloß das Funkeln der bösen Augen und das hämische Grinsen waren sichtbar. Das war ein Malom!

Diese Geschöpfe waren treu ergebene Diener des finsteren Königs. Sofort zog der Malom sein Schwert aus der Scheide. Für kurze Zeit war Hagemar überrascht hier einen Diener des Bösen zu treffen, doch dann sahen sich beide tief in die Augen, seine rechte Hand umfasste sogleich den goldenen Schaft seines Schwertes und zog es langsam aus der Scheide. Beide beäugten sich und warteten auf einen Moment der Unachtsamkeit des Gegners, um den unausweichlichen Kampf zu beginnen. Der Malom atmete schwer und vor seinem Mund bildete sich weißer Nebel. Hagemar hatte schon oft in seinem Leben gegen Maloms gekämpft. Trotzdem beschlich ihn plötzlich Angst. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken und er hatte das Gefühl, sein Blut gefriere ihm in den Adern. Es dauerte einen Augenblick lang, bis er sich wieder beruhigte. Doch die dunkle Vermutung aus seinem Innersten blieb.

Und so entschloss er sich, den Malom auf die Probe zu stellen. Er holte mit seinem Schwert aus. Der Malom duckte sich und versuchte seinerseits mit einem Hieb den Feind des Königs in die Seite zu treffen. Der aber war schnell genug und parierte den Schlag. Sogleich lieferten sich beide einen wilden Schlagabtausch. Die Schwerter trafen klirrend aufeinander und fingen an rötlich zu leuchten. Aber sosehr sich Hagemar mühte, entweder wehrte der Malom seine Schwerthiebe ab oder er wich blitzschnell der heranrasenden Klinge aus. Schließlich schlug der Malom mit solcher Kraft mit seinem Schwert zu, dass Hagemar nach hinten stolperte und das Geschöpf Gelegenheit hatte, auf den am Boden Liegenden nochmals mit dem Schwert einzuschlagen. Hagemar drehte sich noch, aber die Klinge traf ihn in den linken Arm und durchtrennte diesen. Hagemar brüllte vor Schmerzen. Dunkles Blut berührte das weiche Moos.

Sofort stellte Hagemar dem Malom ein Bein, der stolperte. Der Mann nutzte die Gelegenheit und stach auf ihn ein, traf den Malom aber nicht, weil der sich zur Seite rollte und danach blitzschnell wieder aufstand.

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Hagemar beschlich wieder seine dunkle Vermutung, die sich nun bewahrheiten sollte. Zum zweiten Mal packte ihn die Angst. Nach ein paar Sekunden, die ihm wie Stunden vorkamen, flüsterte er mit zitternder Stimme: „Du kannst kein Malom sein, du bist viel zu stark!”

Der Malom lachte. Es schallte im Alptraumwald wider und Vögel flogen aus dem Wald. Hagemar hörte ein paar knappe Worte und anschließend warf ihn ein gewaltiger Luftstoß um. „Natürlich bin ich kein Malom! Wie lange hat es gedauert, bis du es bemerkt hast? Bin ich etwa so schlecht im Kämpfen, dass man mich mit einem Malom vergleichen kann?”

Das Geschöpf hob die Arme und hinter ihm schlug ein Blitz in den Alptraumwald ein.

Der Mann stand auf und suchte nach Worten: „Du … bist … der König!”

Ein höhnisches Lachen aus dem Mund des Geschöpfs ließ erneut die geheimnisvolle Stille in der Luft zerbersten.

„Natürlich bin ich der König! Ich werde da anfangen, wo ich aufgehört habe!” Wieder ertönte das grauenvolle Lachen.

Die finstere Aura des Königs umgab Hagemar und fing an, ihn schleichend zu lähmen. Hatte er nicht viele Jahre lang als Drachenreiter gegen die dunklen Machenschaften des Königs gekämpft? Sollte jetzt alles vergeblich gewesen sein? Der König war ihm immer noch an Stärke und Macht weit überlegen und in dem Moment fühlte sich Hagemar als, müsste er gegen Berge ankämpfen, so erdrückend schien ihm die Kraft seines Feindes. Er schloss seine Augen, war doch Magie in ihm? Eine unverhoffte Energie durchströmte Hagemar und weckte ihn ihm neue Kraft. Er musste jetzt alles geben. Von ihm hing das Schicksal der gesamten Menschheit ab! Er ballte die Faust, unterdrückte den Schmerz an seinem Arm, ignorierte das Brennen und versuchte, den Blick nicht auf dem Armstumpf ruhen zu lassen. Das Lachen dröhnte in Hagemars Ohren und der Mann war kurz davor, aufzugeben …

Er hatte alles gegeben. Sein Drache war nicht da, er würde ihn niemals wieder sehen. Hagemar fühlte, wie ihm bei lebendigem Leibe die Seele herausgerissen wurde und er spürte wie das Band der Vereinigung langsam zerriss. Wenn er sie doch nur noch einmal sehen, einmal über ihre sanften Schuppen streicheln und in ihre kristallenen Augen blicken dürfte. Noch einmal den Wind in den Haaren bei einem atemberauben

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den Flug hören und sich durch den sanften Schleier des Wolkenkleides tragen lassen könnte.

Die Überraschung und Überlegenheit lag auf der Seite des Königs. Wild entschlossen riss sich Hagemar noch einmal zusammen: Er würde nicht aufgeben, nicht er. Er war der berühmteste Drachenreiter in ganz Imperia und würde niemals seinen Drachen und seine Familie im Stich lassen – obwohl es fast keine mehr war! Der König hatte schon zu viel Leid verbreitet, es musste ein Ende geben! Der Reiter sammelte ein letztes Mal Kraft und schrie: „Umso besser, dann kann ich mich gleich an dir rächen für das, was du mir angetan hast. Meiner Familie und meinem Soooooohn!”

Mit einem Mal wehte der Wind wieder und Hoffnung und Liebe verbreitete sich in der Luft. Ein Gefühl der Reinheit und der Entschlossenheit überkam Hagemar. Jetzt! Jetzt würde er es tun und ganz Imperia vor dem Untergang retten! Er nahm seine Lanze und warf sie auf den König. Der aber hob seine Hand und schien unbeeindruckt zu sein. Ein beängstigendes Schnipsen war zu vernehmen und die Lanze zersprang in tausend Bruchstücke.

Seine Gegner waren nie so stark wie der König gewesen, aber noch wollte er nicht an seine Niederlage glauben. Ihn beschlich ein eigenartiges Gefühl. Er wollte plötzlich aufgeben, er wollte sich auf die Seite des Königs stellen und somit sein Leben retten, aber sein Gewissen kämpfte mit dem Gefühl. Fragen über die früheren Drachenreiter tauchten in ihm auf. Hatten sie auch so gedacht? Hatten sie sich auch auf die Seite des Königs gestellt? Nein! Keiner von ihnen hätte das getan. Schon gar nicht, wenn die eigene Familie, Mensch für Mensch durch die Schergen des Königs ermordet wurde! Hagemar dachte an seinen Sohn. Er war zu Großem bestimmt, dessen war er sich sicher. Hagemar würde immer für seinen Sohn kämpfen, denn etwas anderes machte sein Leben nicht mehr lebenswert. Der König würde ihn niemals in die Finger kriegen! Nicht seinen Sohn Achill! Der Mann presste die Zähne zusammen, ballte erneut die Faust und brüllte all seine Wut und seinen Zorn, die in seiner Brust steckten, heraus.

Er stand auf, mit klopfendem Herzen und pochendem Arm hielt er das Schwert in der Hand. Er jagte auf den König zu und holte mit seinem Schwert aus, doch der König verschwand plötzlich im Nichts und kalter Rauch berührte Hagemars Gesicht. Er fühlte sich seltsam erleichtert.

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Eine Stimme drang an das Ohr des Reiters. Sie erschien ihm weit entfernt, obwohl er den Atem, mit seiner vollkommenen Kälte, ganz genau spüren konnte: „Du Narr! Du machst mir nichts als Ärger! Du hast mir immer einen Strich durch die Rechnung gemacht und nun willst du mich aus dem Weg räumen!”

Hinter ihm tauchte der König auf und stieß ihm seine harte Faust brutal in den Rücken. Hagemar fiel zu Boden. Er keuchte gewaltig. Niemand konnte den König besiegen, aber das wollte der Reiter nicht wahrhaben. Der König schleuderte mit einem mächtigen Luftstoß das Schwert Hagemars zwanzig Fuß weit weg. Hagemar hatte aber nun seine Beine um die des Königs geschlungen und zog daran. Der Herr der Dunkelheit fiel zu Boden. Hagemar nutzte die Gelegenheit und hastete zu seinem Schwert. Als er das Schwert erreichte, sauste ein violetter Ball aus reiner Magie auf ihn zu. Im Bruchteil einer Sekunde riss der Reiter sein Schwert an sich und schmetterte die Kugel zurück zu ihrem Urheber, dem König. Der aber verschwand abermals im Nichts. Es begann leicht zu regnen und nun spürte Hagemar, wie ihn das Schwert des Königs am rechten Arm streifte. Der Reiter schrie voller Qualen und Schmerzen auf, packte den König abermals am Fuß, warf diesen zu Boden und stürzte sich auf ihn. Getrieben von der nackten Wut vergaß er augenblicklich den Schmerz und umklammerte das Schwert noch fester, um damit die Kehle des Königs zu durchschneiden Doch der König verschwand erneut in Finsternis und tauchte gleich darauf hinter dem Reiter auf. Der aber hatte den Trick schon durchschaut und warf sein Messer, das er am Gürtel immer bei sich trug, auf den König. Dieser bemerkte den Wurf zu spät und eine klaffende Wunde zeichnete sein Gesicht. Der Herrscher der Finsternis wischte mit dem Daumen das Blut weg. Er raste auf Hagemar zu, mit brüllendem Geschrei hob er das Schwert …

Der Drachenreiter blieb wie angewurzelt stehen. Er wusste, dies war sein Schicksal und er konnte es nicht umgehen. In seinen Augen erschien das Licht des Vollmondes. Ein krachender Donner hallte im Alptraumwald wider und das Schwert des Königs steckte im Bauch des Reiters. Abermals floss Blut aus dem Körper Hagemars. Der König zog die Klinge mit einem Ruck heraus und der Mann fiel zu Boden. Der Herrscher der Finsternis verwischte das Blut am Köper des Reiters so, dass keine nackte Haut damit in Berührung kam, nur die Kleider wurden mit dem Blut benetzt. Zuletzt fügte er noch hinzu: „Fahr zur Hölle, Hagemar.”

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Seine Stimme klang dabei schadenfroh und schaurig. Der Reiter hatte den Mund offen und weit aufgerissene Augen. Sein Dasein zerrann wie Sand zwischen den Fingern, er fühlte, wie das Blut aus den Adern wich, er konnte nicht mehr denken, er spürte, wie er von dieser Welt ging, wie der Tod ihm die Hand entgegenstreckte. Was geschah mit ihm? Alles wurde schwächer und schwächer vor seinen Augen, alles Leben wich von ihm. Der König pfiff …

Eine Weile geschah nichts, bald würde der Reiter sterben. Noch schlug sein Herz. Plötzlich hörte er ein Brüllen und entsetzt drückte er die Augen zu. Das Brüllen bohrte sich tief in seine Ohren. Es war voller Hass und Zorn. Hagemar versuchte die Augen zu öffnen, doch dann wünschte er sich, er hätte es nicht getan. Er spürte die Luft vibrieren.

Ein gigantisches Geschöpf flog heran, es besaß vier Beine mit messerscharfen Krallen und einen langen Schwanz, welcher mit scharfen und spitzen Zacken bedeckt war. Sein pechschwarzer und an manchen Stellen blutroter Körper war vollständig von Schuppen bedeckt. Riesige Flügel kamen langsam zum Vorschein. Hauchdünn waren die Schwingen. Der Kopf aber war das Schrecklichste an diesem Geschöpf. Spitze, lange Hörner hatten sich an den Hals gelegt, ständig bereit, um ausgefahren zu werden. Grauenerregende weiß glitzernde Zähne kamen zum Vorschein, die den gewaltigen Unterkiefer betonten. Rubinrote Augen sah Hagemar, die Hass und nichts als Zerstörung ausdrückten. Ein weiteres Gebrüll war zu vernehmen und Hagemar schauderte.

Bilder schossen ihm durch den Kopf, Bilder, die glückliche Zeiten in seinem Leben darstellten. Als er seinen Drachen bekam, als er das erste Mal in ihre kristallfarbigen Augen blickte. Als er seine Frau kennenlernte und als er Achill in den Arm nahm, ein winziger Mensch noch, gerade eine halbe Stunde alt. All dies war nun vorbei. Zerstört von der rasenden Wut des Königs. Der Drache landete und Hagemar spürte, wie der Boden unter den gewaltigen Füßen des Drachen zitterte. Er sah den König auf die Kreatur steigen und wegfliegen. Dann lag er alleine und einsam auf dem kalten Erdboden. Der Regen donnerte auf seine Haut und er spürte, wie bei jedem Regentropfen seine Lebenskraft schwächer und schwächer wurde. Jeder normale Mensch wäre ohnmächtig geworden, oder wegen des hohen Blutverlustes gestorben, aber Reiter waren da anders. Ihre Überlebenschancen waren höher als die der normalen Menschen. Bestimmt zwei endlose Stunden könnte Hagemar so daliegen und

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auf den Tod warten. Krächzendes Geschrei von Vögeln und eine sanfte Brise, die in sein Gesicht blies, beruhigten Hagemar langsam. Nun war schon eine Stunde vergangen …

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